Die Ansiedlung von „Möbel Kraft“ auf einer Kieler Kleingartenanlage – wie man in einem stadtplanerischen Projekt möglichst viele Sauereien unterbringt

Vor kurzem war in den „Kieler Nachrichten“ zu lesen, daß auf dem Prüner Schlag im Westen Kiels demnächst erneut die Reste aufgegebener Kleingärten abgerissen werden sollen, oder „rückgebaut“, wie es vornehmer im Behördendeutsch heißt. Der Abriß ist Teil des Projektes, auf diesem traditionsreichen Kleingartengelände ein „Möbelmarktzentrum“ einzurichten, ein Projekt, das die Stadt seit nunmehr fünfeinhalb Jahren beschäftigt. Die bisherige Geschichte dieses Projektes ist vor allem eine Geschichte von Sauereien im Umgang mit der Öffentlichkeit gewesen, oder sagen wir vornehmer, Ungeschicklichkeiten, und es ist wohl gerade mit diesen – wohl kaum versehentlichen – Ungeschicklichkeiten zu erklären, daß das Projekt beim Bürgerentscheid vom März 2014 beinahe gescheitert wäre. Doch der Reihe nach.

Die Sauereien begannen damit, daß das Ansiedlungsprojekt zunächst in monatelangen Geheimverhandlungen zwischen Oberbürgermeister Albig und dem Investor ausgehandelt wurde, um dann nur wenige Wochen nach der öffentlichen Bekanntgabe (welche „zufällig“ mitten in den Sommerferien 2011 erfolgte) bereits von der Ratsversammlung abgesegnet zu werden – von da an hieß es aus dem Rathaus, die Politik habe entschieden, und der Zug sei abgefahren. Aber in der kurzen Zeit vor dem Ratsbeschluß hatte keinerlei öffentliche Diskussion stattfinden können. Der Bürgermeister verwies nebulös auf eine für später vorgesehene Bürgerbeteiligung.

Es wurde insbesondere beschlossen, das Gelände schnellstmöglich an den Investor zu verkaufen, obwohl 317 der 330 Kleingärten noch verpachtet waren. Die eigenartige Begründung für diese Hast war, daß dies im Interesse der Pächter liege, da der Investor ihnen höhere Entschädigungen zahlen könne – auch hiermit wurde der Eindruck vermittelt, nichts könne die Auflösung der Anlage noch stoppen. Der Kaufvertrag wurde im Mai 2012 von der Ratsversammlung abgenickt. Die Pächter wurden zur Selbstkündigung ihrer Pachtverträge aufgefordert; als Belohnung wurden um 25% erhöhte Entschädigungszahlungen angeboten.

Im Ratsbeschluß vom September 2011 hatte es geheißen, „Im westlichen Bereich des Gesamtgrundstückes sollen Kleingärten auf dem Areal verbleiben … Die Verwaltung schätzt, daß ca. 2/3 der Kleingärten betroffen sein werden.“ Schon früh wurde Kritik an der geplanten Zerstörung der Anlage öffentlich mit dem Argument begegnet, ein Drittel der Gärten blieben ja erhalten. Dennoch wurden unterschiedslos alle Gärten geschätzt und alle Pächter zur Selbstkündigung aufgefordert, auch die im westlichen Bereich. Auf Nachfrage wurde dies dadurch erklärt, man wisse nicht genau, welche Anteile der Fläche nicht gebraucht würden, und müsse daher zunächst alle Pächter vertreiben und alle Gärten abreißen; später könne man dann gegebenenfalls auf dem Gelände neue Gärten anlegen. Daß sich kaum Pächter auf ein solches Angebot einließen, ist nicht verwunderlich.

Der Investor eröffnete ein Büro direkt neben der Anlage, und die ersten Pächter erschienen, um ihre Parzellen zu kündigen. Andere zögerten noch, kamen aber dennoch, um sich beraten zu lassen. Dann konnte es passieren, daß einer älteren Gärtnerin gezeigt wurde, wie viele ihrer Nachbarn schon gekündigt hätten, verbunden mit der Warnung, „Wollen Sie wirklich allein auf der Parzelle bleiben? Wir können für die Sicherheit in der Anlage nicht garantieren. In den leer stehenden Lauben werden sich Obdachlose und Drogenabhängige einnisten.“ Solche Drohungen, verbunden mit den angebotenen Zahlungen, ließen die Pächter scharenweise kapitulieren. Viele gaben ihre Parzellen zum Ende des Jahres 2012 auf, etwa 70 zum Ende des folgende Jahres; nur drei Pächter kündigten nicht. Die Anlage begann zu verwahrlosen; nachts wurden viele Parzellen professionell ausgeplündert; das Engagement des Investors, die Anlage zu schützen, hielt sich sehr in Grenzen.

Erst jetzt wurden nach und nach die im Rahmen des Bauleitplanverfahrens vorgeschriebenen Fachgutachten (Artenschutz, Lärm, Städtebau, Einzelhandel, etc.) erstellt – von denen jedes im Prinzip die Ansiedlung als undurchführbar hätte erklären können. Standortalternativen waren schon 2011 geprüft worden, allerdings sagte der Geschäftsführer von „Möbel Kraft“ später, die Stadtverwaltung habe ihm von Anfang an genau dieses Gelände angeboten. Standortalternativen (sogar in Gewerbegebieten) wurden mit Begründungen abgelehnt, die auf den Prüner Schlag genauso zutrafen (z.B. feuchter Baugrund).

Die Öffentlichkeitsbeteiligung beschränkte sich auf Präsentationen auf Ortsbeiratssitzungen sowie die vorgeschriebene Auslegung des Bebauungsplanes, mit der Möglichkeit, Einwendungen einzureichen. In den Antworten der Stadtverwaltung auf diese Einwendungen zeigte sich allerdings keinerlei Bereitschaft, auf irgendwelche Kritik einzugehen oder irgendwelche Änderungsvorschläge ernsthaft in Erwägung zu ziehen; alle kritischen Einwendungen wurden mit formelhaften Textbausteinen und pauschalen Floskeln, sowie unter Hinweis auf die Kompetenz der Gutachter abgewimmelt. Selbst die Einwände der Industrie- und Handelskammer, welche lediglich Änderungen an der Zusammensetzung des Sortiments forderte, wurden ignoriert.

Ende 2013 führten die Gegner des Projektes durch eine Unterschriftensammlung erfolgreich einen Bürgerentscheid über den Abbruch des Bauleitplanverfahrens herbei. Im Januar 2014 begann der Investor, noch vor dem Termin der Abstimmung am 23.März 2014, mit ausdrücklicher Genehmigung der Stadtverwaltung einen Teil der verlassenen Gartenlauben abzureißen; etwa ein Drittel der Gärten wurde zerstört. Als Begründung wurde die „Verkehrssicherungspflicht“ genannt. Trotz eines Verbotes durch die Obere Naturschutzbehörde wurden dabei schwere Maschinen eingesetzt, welche die Infrastruktur der Anlage weitgehend zerstörten, inklusive der Wasserleitungen und Drainagen; infolgedessen wurden viele Parzellen mit Regenwasser überflutet. Andere Parzellen wurden durch Kiesaufschüttung unbrauchbar gemacht.

Der Bürgermeister reagierte auf Kritik an diesem Vorgehen mit der Aussage, mit dem Abriß würden „keine endgültigen Fakten gegen eine mögliche künftige Nutzung des Geländes als Kleingartenanlage geschaffen“; die Ratsfraktion der Grünen teilte mit, „Der Rückbau von Lauben auf dem Gelände der geplanten Möbel-Kraft-Ansiedlung behindert aus unserer Sicht in keinster Weise eine ordnungsgemäße Durchführung des Bürgerbegehrens am 23.3.2014“. Der Geschäftsführer von „Möbel Kraft“ erklärte öffentlich, „Alles, was intakt ist, bleibt stehen. Da fährt niemand mit dem Bulldozer durch.“ Abrißarbeiter vor Ort bestätigten aber, daß sie den Auftrag hätten, in den betroffenen Teilflächen restlos alles abzureißen, was an die Gärten erinnerte; die Anzahl der eingesetzten Bulldozer war beeindruckend (aber vielleicht ist „Bulldozer“ nicht die fachlich korrekte Bezeichnung für die Fahrzeuge).

In den Wahlkampf vor dem Bürgerentscheid griffen die „Kieler Nachrichten“ mit irreführenden Schlagzeilen über angeblich drohende Schadenersatzforderungen des Investors ein. Die Stadtverwaltung wendete Steuergelder in Höhe von 30.000 EUR für eine Plakat-Kampagne gegen die Forderungen des Bürgerentscheids auf; in der gleichzeitigen Kampagne des Investors (Budget: etwa 100.000 EUR) trat u.a. auch einer der an den Fachgutachten beteiligten Biologen als Unterstützer des Projektes auf, wodurch die Neutralität des entsprechenden Gutachtens fragwürdig erscheint.

Die Abstimmung wurde von den Gegnern des Projektes knapp verloren. Der am gleichen Tag gewählte neue Oberbürgermeister Kämpfer sagte dazu, „Das Falscheste wäre jetzt, mit einer Art Siegermentalität zu sagen, jetzt wird das durchgezogen statt miteinander respektvoll umzugehen.“ Er wolle das Kriegsbeil begraben und auf die Gegner des Projektes zugehen.

Allerdings ist im weiteren Verlauf des Bauleitplanverfahrens nichts in dieser Richtung geschehen; das Projekt wird nun, wenn auch mit Verzögerung, offenbar doch genauso durchgezogen wie vorgesehen, ohne jedes Zugeständnis an die Gegner. Vergeblich haben die Initiatoren des Bürgerentscheids im März 2015 in einem Offenen Brief auf eine Verringerung der Flächenversiegelung gedrängt; sie erhielten noch nicht mal eine Antwort.

Aufgrund dieser langen Liste an Sauereien im Umgang mit der Öffentlichkeit sieht sich der letzte legale Pächter einer Parzelle auf dem Gelände zu keinerlei kooperativem Verhalten dem Investor und der Stadtverwaltung gegenüber veranlaßt. Er wird an seiner Parzelle festhalten, so lange dies irgend möglich ist. Nach dem Bürgerentscheid hätte die Chance bestanden, durch Zugeständnisse und Kompromisse zur Versöhnung der verfeindeten Lager beizutragen, aber die Gegenseite hat nichts in dieser Richtung unternommen. Das Ansiedlungsprojekt steht damit von Beginn an unter einem schlechten Stern.

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Ein persönlicher Kommentar zum Thema „Verschwörungstheorien“

Es ist eigentlich nichts Neues, daß es unter uns Menschen gibt, die an sogenannte „Verschwörungstheorien“ glauben, also an Behauptungen der Art, Regierungen, Behörden, (Mainstream-)Medien und Experten würden, perfekt koordiniert, in der einen oder anderen Angelegenheit die Öffentlichkeit systematisch belügen. Kondensstreifen am Himmel wären demnach in Wirklichkeit planvoll ausgebrachte Chemikalien, die das Klima beeinflussen oder gar die Bevölkerung mit Drogen einlullen sollen („Chemtrails“). Es gebe funktionsfähige Generatoren für „freie Energie“, die alle Energieprobleme der Menschheit mit einem Schlag lösen könnten, das Wissen um diese Technologie würde aber von mächtigen Konzernen unterdrückt. Das World Trade Center sei nicht durch Terroristen und Flugzeuge, sondern durch Geheimdienste und vorinstallierte Sprengladungen zum Einsturz gebracht worden. Und und und.

Lange Zeit habe ich solche Behauptungen ignoriert oder bisweilen als mäßig unterhaltsam zur Kenntnis genommen. Nachdem nun aber die Behauptung verbreitet wird, der Anschlag vom 19.12.2016 auf einen Berliner Weihnachtsmarkt, mit 12 Toten und 55 Verletzten, sei das Werk von „Geheimdiensten“ (oder sonstigen staatlichen Stellen), während der – inzwischen in Italien erschossene – Hauptverdächtige ein gezielt als Täter aufgebauter Unschuldiger sei,
ist für mich der Spaß zu Ende. Wie kann man, ohne jeden Beweis, solch ungeheuerliche Unterstellungen in Umlauf bringen? Im Zeitalter von AfD und Donald Trump ist sowas nicht mehr lustig, sondern brandgefährlich.

Als „Beweis“ dieser Unterstellung wird das im Führerhaus des als Mordwerkzeug verwendeten Lastwagens aufgefundene Ausweisdokument angeführt, durch welches der Hauptverdächtige identifiziert wurde – es sei vollkommen unglaubwürdig, daß ein Terrorist so blöd sein könne, einen Ausweis am Tatort zu hinterlassen, folglich müsse es sich um Betrug seitens der Polizei und der ermittelnden Behörden handeln, und der ganze Anschlag sei als fingiert zu betrachten. Ja meint ihr denn, die Polizei wäre so blöd? Wenn ich einen Anschlag fingieren will und die gesamte Welt belügen, dann denke ich mir doch was Unanzweifelbares aus, also etwa DNS-Spuren, und nicht sowas Banales wie Ausweis und Handy.

Es ist mir durchaus bekannt, daß Politiker und Behörden nicht immer die reine Wahrheit sagen, und daß sie auch mal Fehler machen. Es ist gut und wichtig, offizielle Verlautbarungen und Maßnahmen zu überprüfen und kritisch zu hinterfragen. Wenn man es mit einem totalitären Regime zu tun hat, ist sogar davon auszugehen, daß „von oben“ hauptsächlich Lügen kommen. In einem solchen Regime wäre die Unterstellung, ein solcher Anschlag sei fingiert, unter Umständen gerechtfertigt. Die westlichen Staaten sind aber keine totalitären Regimes, und wer solches behauptet, beweist damit nur, daß er nichts über wirklich totalitäre Regimes weiß. Wenn es bei uns herauskommt, daß ein Politiker oder eine Behörde gelogen hat, schlagen die Wellen öffentlicher Empörung hoch. Ein ganzer Berufsstand verdient seine Brötchen damit, solche Fälle aufzudecken: die Journalisten.

Wer nun natürlich glaubt, dieser ganze Berufsstand – bis auf einige wackere Autoren des Kopp-Verlages – sei gekauft und stecke mit den Mächtigen unter einer Decke, der ist immun gegen dieses Argument. Je nach dem konkreten Gegenstand der Verschwörungstheorie, ist gleiches dann aber auch für sämtliche Experten, sämtliche Analyselabors, sämtliche Wissenschaftler, etc., anzunehmen. Habt ihr eigentlich schon mal von Plausibilität gehört?
Verschwörungen, die Millionen von Menschen umfassen, wären niemals für längere Zeit geheim zu halten! Das ist doch massiver Realitätsverlust, worunter ihr leidet, wenn nicht therapiebedürftige Psychose.
Abgesehen davon sind solche pauschalen Unterstellungen gegenüber ganzen Gruppen der Bevölkerung an sich schon primitiv und bösartig, sie liegen etwa auf demselben Niveau wie „Alle Polen sind Autodiebe“. Wollt ihr wirklich das „Lügenpresse“-Gebrüll von Pegida unterstützen?

Wer unsere Behörden für fähig hält, Anschläge auf die eigene Bevölkerung zu fingieren (natürlich mit finsteren Zielen, wie Grundrechte weiter einzuschränken, oder gegebenenfalls in fremde Länder einzumarschieren), hat anscheinend jegliches Vertrauen in unser „System“ verloren und stellt es auf eine Stufe mit totalitären Regimes. Ein solch umfassender Vertrauensverlust eines größeren Teils der Bevölkerung stellt offensichtlich eine große Gefahr dar, denn diese Leute werden tendenziell auf die Zerstörung des „Systems“ hinwirken. Es ist ja derzeit in vielen westlichen Ländern das Gleiche, neue Parteien und Politiker mit ziemlich autoritärer Agenda gewinnen massiv an Stimmen; in Ländern wie Ungarn und Polen sind sie schon eifrig dabei, demokratische Grundstrukturen abzubauen. Und das Problem bleibt nicht auf den Wahlzettel beschränkt.

Zu oft sind es Botschaften des Hasses, die von den Anhängern von Verschwörungstheorien verbreitet werden. Und es ist nur eine Frage der Zeit, wann der Hass in physische Gewalt umschlägt. Wer jahrelang unter massivem Realitätsverlust leidet und in einem festgefügten abgeschotteten Ideologie-Gebäude lebt (manche sprechen von Verschwörungstheorien als „Ersatzreligion“), wird sich irgendwann zur Tat berufen fühlen. Vor wenigen Tagen erreichte mich eine Mail, in der dazu aufgerufen wurde, eine bestimmte prominente Person zu töten, aufgrund angeblicher Twitter-Zitate dieser Person – dem Verfasser der Mail ist offenbar nicht bekannt, wie viele Lügen im Internet kursieren. Es fängt mit Messerattacken auf Kommunalpolitiker an – wo führt es hin?
In den 1920er Jahren hat sich niemand vorstellen können, wohin die Lügen von der „Jüdischen Weltverschwörung“ innerhalb kurzer Zeit führen würden.

Für jene, die sich für eine bessere Welt engagieren wollen, gäbe es wirklich dringlichere Betätigungsfelder. Wir stehen vor der gewaltigen Herausforderung, ein einseitig auf Wachstum und Profit fokussiertes Wirtschaftsmodell zu überwinden, welches langsam aber sicher die Grundlagen des physischen Überlebens der Menschheit auf diesem Planeten zerstört – siehe Klimawandel und Artensterben. Aber ihr stöbert stattdessen lieber auf dubiosen Internet-Seiten Schauermärchen über Chemtrails und Illuminaten auf.

Sommerbilder 2016

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Bienenweide rechts des Gartentores; die hohen gelben Blüten sind Topinambur

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Kreuzblättrige Wolfsmilch (links), Ringelblume und Fette Henne (Mitte), und Königskerze (rechts oben)

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kreuzblättrige Wolfsmilch

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Pastinaken und Ringelblumen

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Pfefferminze und Ringelblumen

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Goldrute, Sonnenblume und Ringelblumen; Gitter und Kiste hinter der Sonnenblume schützen Fenchel vor den Karnickeln

Erneute Antwort des Stadtplanungsamt auf meine erneuten Einwendungen gegen den Bebauungsplan 988

Im Rahmen der “Öffentlichkeitsbeteiligung” bestand im März 2016 – zum zweiten Mal – die Möglichkeit, Kommentare und Kritik zum geplanten Möbel-Kraft-Projekt (“Bebauungsplan 988”) beim Stadtplanungsamt der Stadt Kiel einzureichen. Ich habe von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht und diesen Text eingereicht. In diesem Posting dokumentiere ich, ohne weiteren Kommentar, die Antwort des Stadtplanungsamtes (die Antworten beziehen sich blockweise auf meinen Text, weshalb ich für jeden Block die einleitenden Worte – kursiv und in Klammern – wiederhole).

(Nach meinem Verständnis hat eine Öffentlichkeitsbeteiligung u.a. den Zweck, …)

Der Einwand wird zur Kenntnis genommen.
Der vorliegende Bebauungsplanentwurf stellt das Ergebnis eines umfassenden Abwägungsvorgangs aller zu berücksichtigenden Belange dar. Die im Rahmen der Öffentlichkeitbeteiligung eingegangenen Anliegen der Bürgerinnen und Bürger wurden der Abwägung unterzogen.

(Eine sehr wichtige Modifikation würde darin liegen, den Flächenverbrauch des Bauvorhabens zu reduzieren, …)

Der Stellungnahme wird nicht gefolgt.
Eine Minimierung des Flächenverbrauchs hat in der Planung in der Weise Berücksichtigung gefunden, dass die Stellplatzfläche ST 2 um die außenliegende Stellplatzreihe reduziert und wurde und in der Planzeichnung entsprechend festgesetzt wurde. Das mögliche Maß der Reduzierung des Flächenverbrauchs ist eine Entscheidung, basierend auf diversen zu beachtenden Kriterien.
Der Möglichkeit der Errichtung eines Möbelmarktzentrums in der im Plan definierten maximalen Größenordnung wurde im Abwägungsprozess ein größeres Gewicht beigemessen, als einer weiteren Reduzierung des Flächenverbrauchs. Die Entscheidung, das bisherige Kleingartengelände zukünftig anders zu nutzen, ist ein Ergebnis des in der Begründung dargestellten Abwägungsprozesses zugunsten der wirtschaftlichen Entwicklung der Landeshauptstadt Kiel.
Ziel der Landeshauptstadt Kiel ist es, den Wirtschaftsstandort Kiel mit seiner oberzentralen Funktion zu stärken und auszubauen. Im Gesamtstädtischen Einzelhandelskonzept (GEKK) wurden im Sortiment Möbel absatzwirtschaftliche Entwicklungsspielräume festgestellt:
Innerhalb des Stadtgebietes fehlt es an einem „vollsortimentierten“ Einrichtungshaus sowie größeren SB-Möbelmärkten.
Die Anbieter im Bereich Möbel und ihre Kunden stellen unterschiedliche Anforderungen an die Plankonzeption, so dass ein 1:1 Vergleich von Flächenanforderungen der Möbelanbieter nicht möglich ist.
Die Errichtung einer Tiefgarage und einer Parkpalette sind in Planung umsetzbar. Von der Planung eines Möbelmarktzentrums erwartet die Landeshauptstadt Kiel eine Verbesserung der Angebotssituation im Bereich Möbel, eine deutliche Erhöhung der Kaufkraftbindung an die Landeshauptstadt Kiel, eine deutliche Verminderung von Kaufkraftabflüssen in das Umland, insgesamt einen nachhaltigen Attraktivitätsgewinn für den Wirtschafts- bzw. Einzelhandelsstandort Kiel, die Schaffung eines vielfältigen Angebotes an neuen qualifizierten Arbeitsplätzen und Ausbildungsplätzen, sowie die nachhaltige Generierung von Steuermehreinnahmen.

(Da nun auch IKEA in Kiel ausbauen will …)

Dem Einwand wird nicht gefolgt.
Ziel der Landeshauptstadt Kiel ist es, – wie genannt -, den Wirtschaftsstandort Kiel mit seiner oberzentralen Funktion zu stärken und auszubauen. Im Gesamtstädtischen Einzelhandelskonzept (GEKK) wurden im Sortiment Möbel absatzwirtschaftliche Entwicklungsspielräume festgestellt: Innerhalb des Stadtgebietes fehlt es an einem „vollsortimentierten“ Einrichtungshaus sowie größeren SB-Möbelmärkten.
Die Planungen der Firma IKEA befinden sich noch in einem frühen Stadium. Im Rahmen der erforderlichen Bauleitplanung werden entsprechende Gutachten zu erstellen sein, auch zur Verkaufsflächengröße.
Die Stadt Kiel sieht diese Aussage des GEKK als weiterhin zutreffend an.
Durch die in Kap. 4.3.2 und 7.3 des Verträglichkeitsgutachtens dargestellte Umsatzumverteilung wird es im Bereich Möbel-/ Einrichtungsbedarf durch das Möbel-marktzentrum zu einer Wettbewerbsverschärfung kommen, durch die in der Folge die Schließung eines großen oder mehrerer kleiner Betriebe eintreten könnte. Dem Ziel, den Wirtschaftsstandort Kiel mit seiner oberzentralen Funktion zu stärken und auszubauen, wird jedoch ein hohes Gewicht beigemessen.

(Ein weiterer Schwerpunkt meiner ersten Stellungnahme war das Schicksal der Flächen, die nicht zur Bebauung vorgesehen sind …)

Der Stellungnahme wird nicht gefolgt.
Die Entscheidung, das bisherige Kleingartengelände insgesamt zukünftig anders zu nutzen, ist ein Ergebnis des in der Begründung dargestellten Abwägungsprozesses zugunsten der Entwicklung einer Maßnahmenfläche zur dauerhaften Sicherung der ökologischen Funktion.
Die noch 2011 vorgesehenen Flächen für Kleingartennutzung sind aus artenschutzrechtlichen Gründen nun-mehr zu Maßnahmenflächen geworden. Durch die zu erwartenden Eingriffe im Bereich des Sondergebietes besteht die Notwendigkeit, die randlichen Flächen für die europarechtlich geschützten Artengruppen Fledermäuse, Brutvögel und Amphibien aufzuwerten.
Dies ist mit einer fortgesetzten Kleingartennutzung nicht vereinbar.

Einwendung gegen den erneut ausgelegten Entwurf des Bebauungsplanes 988, eingereicht am 31.3.2016

Nach meinem Verständnis hat eine Öffentlichkeitsbeteiligung u.a. den Zweck, daß es den Bürgern ermöglicht wird, konstruktive Vorschläge zu machen, jenseits der „politischen Willensbildung“ in Ratsversammlung und Parteien. Damit dies gelingt, muß aber eine gewisse Bereitschaft bestehen, auf die Vorschläge einzugehen. Da nun die Gesamtheit der anläßlich der ersten Auslegung eingereichten Einwendungen aber nur zu minimalen, eher formalen, Änderungen des Entwurfes geführt hat, muß m.E. bezweifelt werden, daß eine wirkliche Bereitschaft, auf diese Vorschläge einzugehen, besteht. Das ist sehr bedauerlich, da es Modifikationen des Projektes verhindert, die einerseits nicht gravierend wären, aber andererseits zu einer Versöhnung zwischen Befürwortern und Kritikern der Ansiedlung beitragen könnten. Bei vielen Bürgern ist dadurch der Eindruck entstanden, daß eine ernsthafte Öffentlichkeitsbeteiligung gar nicht vorgesehen wäre.

Eine sehr wichtige Modifikation würde darin liegen, den Flächenverbrauch des Bauvorhabens zu reduzieren, der auch vom Ortsbeirat Mitte mehrfach als „unverhältnismäßig“ bezeichnet wurde. Entsprechende Vorschläge in meiner ersten Stellungnahme (vom 2.9.2014) wurden aber nur mit der Aussage „Die vorliegende Variante hat sich zudem insgesamt als die verkehrlich, funktional und betrieblich vorteilhafteste erwiesen“ zurückgewiesen. Diese Aussage gilt aber offensichtlich nur für den Fall, daß der Flächenverbrauch gar kein Entscheidungskriterium dargestellt hat. Würde man beispielsweise den Flächenverbrauch zwingend auf 75% des aktuellen Entwurfes reduzieren, oder eine weniger zerrissene Anordnung der nicht zur Bebauung vorgesehenen Flächen vorschreiben, so gäbe es im Rahmen dieser Randbedingungen jeweils wiederum eine „verkehrlich, funktional und betrieblich vorteilhafteste Variante“, die ein an eine solche Randbedingung gebundener Investor selbstverständlich wählen würde.

Des weiteren las ich in der Antwort auf meine erste Stellungnahme „Die Größenordnung des Planvorhabens entspricht den Anforderungen, die Betreiber von Möbelmärkten an moderne Standorte stellen.“ Daß diese Aussage in der implizierten Allgemeingültigkeit nicht zutrifft, folgt aber schon daraus, daß IKEA in Kiel über 10 Jahre hinweg mit einem Drittel der für M.K./Sconto geplanten Verkaufsfläche erfolgreich wirtschaften konnte (es handelt sich ja sogar um eines der profitabelsten IKEA-Häuser in Deutschland). Somit kann der Vorschlag, den Flächenverbrauch des Projektes zu reduzieren, mit dieser Aussage nicht überzeugend vom Tisch gewischt werden.

Da nun auch IKEA in Kiel ausbauen will – mit einem Investitionsvolumen in ähnlicher Größenordnung wie bei M.K./Sconto – stellt sich notwendigerweise die Frage, ob der Markt für Möbel im Bereich Kiel in wenigen Jahren nicht massiv überversorgt sein wird (es kommen übrigens noch Neueröffnungen im Gewerbegebiet Raisdorf hinzu). Die entsprechenden Gutachten von 2009/2010, die eine Unterversorgung zu erkennen glaubten, dürften zumindest überholt sein. Auch dieser Aspekt würde eindeutig dafür sprechen, das Projekt maßvoll zu verkleinern.

Ein weiterer Schwerpunkt meiner ersten Stellungnahme war das Schicksal der Flächen, die nicht zur Bebauung vorgesehen sind – immerhin etwa 7 Hektar. Ursprünglich zielte der Ratsbeschluß von 2011 darauf hin, dort Kleingärten zu belassen (es ist mir nie schlüssig erklärt worden, wieso auch die betroffenen Gartenpächter zur Kündigung aufgefordert wurden). Aufgrund des hohen Flächenverbrauchs sowie der äußerst ungünstigen Platzierung der Baukörper genau in der Mitte des Areals sind diese Teilflächen nur sehr begrenzt als Rückzugsräume für die Natur geeignet (wie auch das entsprechende Fachgutachten einräumt). Ich möchte daher den Vorschlag wiederholen, daß diese Teilflächen wieder an die Stadt Kiel zurückfallen und für die Bevölkerung zugänglich/nutzbar gemacht werden. Dieser Vorschlag gewinnt Aktualitität durch die jüngsten gesellschaftlichen Entwicklungen – Stichwort Migration -, die dazu mahnen, mit den noch in öffentlichem Besitz stehenden Flächen sparsam umzugehen. Dieser Vorschlag widerspricht offensichtlich nicht der Absicht, für die betroffenen Flächen einen „Pflege- und Entwicklungsplan (PEP) “ aufzustellen – es kommt hier allerdings entscheidend darauf an, an welche Art von Entwicklung hier gedacht ist. Die Nutzung für Ausgleichsmaßnahmen für die Zerstörung des derzeit noch intakten Naturraumes würde wiederum erfordern, eine weniger zerrissene Anordnung der Teilflächen zu wählen.

Die Heilsbotschaften des Westen und ihr Scheitern

Die sogenannte Transition-Town-Bewegung, die sich seit etwa 2006 von England ausgehend weltweit verbreitet, strebt eine grundlegende Veränderung der Wirtschafts- und Lebensweise der Menschen in den Städten der „westlichen“ Welt an, mit dem Ziel der Unabhängigkeit vom Erdöl und anderen nicht nachwachsenden Rohstoffen, sowie der Bewahrung der natürlichen Ökosysteme, in welche das menschliche Leben über Jahrtausende eingebettet war. Damit einher geht der Wunsch, unser auf Konsum, Profit, Wachstum und Konkurrenzkampf ausgerichtetes Wirtschaftssystem umzuwandeln in ein in erster Linie am langfristigen Gemeinwohl orientiertes System.

Auf den ersten Blick möchte man meinen, daß solche Ziele und Ideen nicht in unsere unruhige Zeit passen. Sind nicht die nicht-enden-wollende Euro-Krise, das drohende Auseinanderbrechen der Europäischen Union oder die immer mehr um sich greifenden Kriege im Nahen Osten viel dringlichere Probleme? Wer interessiert sich noch fuer den Erdölverbrauch, jetzt wo die Preise ins Bodenlose gefallen sind?

Aber auf den zweiten Blick treten erstaunliche Zusammenhänge zutage. Dies wurde mir bewusst anhand zweier – zunächst scheinbar ganz zusammenhangsloser – Diskussionsbeiträge in den Medien.

Der erste stammt von dem österreichisch-polnischen Schriftsteller Radek Knapp und befaßt sich mit dem gegenwärtigen Rechts-Ruck in Polen unter Jaroslaw Kaczynski. Zu dessen Interpretation schreibt Radek u.a.:
Der Westen hatte als irdisches Paradies gegolten, (…) wo es keine materiellen Sorgen gab und die Menschen ein würdiges Leben führten. Doch kaum war das Paradies da, handelte es mit faulen Früchten. Statt der ersehnten Freiheit, die einen gerechten Lebensstandard bringen sollte, bekam man riesige Einkaufszentren, MTV und ein hinterhältiges Ding namens Pauschalkredit (…)
In Warschau stieg im ersten Jahr nach der Wende die Anzahl der Cabrios um einen ähnlichen Faktor wie die der Obdachlosen. Polens Arbeiterschaft, die ihr halbes Leben in kommunistischen Kombinaten geschuftet hatte, fand sich am Fließband von Amazon und Siemens wieder.
Hatte man hier etwa ein Regime gegen ein anderes getauscht? (…)
Sogar Lech Walesa gibt später zu, er habe die Demokratie im Land haben wollen, aber stattdessen 20 Konzerne reingelassen
(…)
Es ist nicht irgendeine Grippe, sondern eine spezielle Influenza, die Polen sich, zusammen mit anderen Staaten im Osten, beim Übergang in die freie Marktwirtschaft eingefangen hat. Die Medikamente, die der Westen schickt – in Form von Plasmafernsehern, Breitbandinternet oder einem „mörderisch günstigen Rabatt“ auf das neue VW-Golf-Modell – sorgen gerade mal für eine Symptombehandlung. Das echte Gegenmittel gibt es nicht mehr. Es existierte mal vor langer Zeit in einem nicht konsumorientierten Westeuropa, das heute bestenfalls noch in den Köpfen naiver
Osteuropäer zu finden ist.

Prägnanter hätte man kaum zusammenfassen können, was heute viele Menschen in den „westlichen“ Ländern am herrschenden Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell zweifeln läßt.

Der zweite Diskussionsbeitrag stammt von dem US-amerikanischen Anthropologen Scott Atran, der sich mit dem „Islamischen Staat“ (IS) befasst, also einem scheinbar völlig anders gelagertem Thema. Auszüge aus einem Interview:
Die Organisation (i.e., der IS) ist (…) für viele junge Menschen aus Europa eine sehr attraktive Option, um gewisse Träume zu verwirklichen. Der IS entfaltet seine Anziehungskraft weniger aus seiner Gewalt heraus als aus dem Ziel, eine andere Weltordnung herbeizuführen (…) Dieses Heilsversprechen ist es, das IS-Anhänger anlockt. Der IS ist eine freudvolle Bewegung. Er setzt unserer Lethargie eine Verheißung entgegen (…) Wir sollten uns eingestehen, dass unsere Kultur in einer Krise ist. Unsere Vorstellung, daß die Menschen schon gesättigt sind, wenn sie in Shoppingmalls einkaufen und im Café sitzen können oder eine sichere 40-Stunden-Woche haben, ist zum Irrglauben geworden.

(Ich sollte an dieser Stelle vorsichtshalber betonen, daß ich mit dem Zitieren dieser Aussagen aus einem Interview in keiner Weise die Verbrechen des IS relativieren oder entschuldigen will, nichts läge mir ferner als das. Es geht mir hier um einen ganz anderen Aspekt des Themas.)

Die begrifflichen Parallelen beider Beiträge sind unübersehbar. Unsere Kultur überschüttet uns mit Konsumgütern, vermag aber nicht, die innere Leere in unseren Herzen zu füllen: Konsum allein ist noch kein erfüllender Wert.

Es könnte sich erweisen, daß das Scheitern der Heilsbotschaften des Westens, von dem die beiden oben zitierten Beiträge handeln, viel fundamentaler ist, als wir das jetzt vielleicht erkennen. Es könnte sich als Zeitenwende herausstellen, als Ende der Nachkriegs-Wohlstandsoase.

Aber die zugrundeliegende Beobachtung ist keineswegs neu, hellsichtige Beobachter haben dies schon vor Jahrzehnten gesehen, wie etwa der Philosoph und Psychoanalytiker Erich Fromm. In seinem Werk „Haben oder Sein“ (1976) spricht er von der „großen Verheißung“ des Industriezeitalters und von dem „Trauma, das die beginnende Einsicht in das Ausbleiben ihrer Erfüllung heute auslöst„, und stellt fest:
Daß sich die große Verheißung nicht erfüllt hat, liegt neben den systemimmanenten ökonomischen Widersprüchen innerhalb des Industrialismus an den beiden wichtigsten psychologischen Prämissen des Systems selbst, nämlich 1. daß das Ziel des Lebens Glück, d. h. ein Maximum an Lust sei, worunter man die Befriedigung aller Wünsche oder subjektiven Bedürfnisse, die ein Mensch haben kann, versteht (…); 2.  daß Egoismus, Selbstsucht und Habgier – Eigenschaften, die das System fördern muß, um existieren zu können – zu Harmonie und Frieden führen.

Auch andere schrieben ähnliches, so John Seymour, Ernst Schumacher und schon in den 50er Jahren Leopold Kohr. Die Transition-Town-Bewegung beruft sich auf alle diese Autoren als Vordenker. Es wird dringend Zeit, ihre fast vergessenen Werke wieder zu lesen.

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Frühlingsimpressionen aus Parzelle 556: Wir stehen in den Startlöchern für die Gartensaison 2016.

Nachtrag zu „Unfreiwillige Archäologen“

Mein Artikel zum Thema „Müll in Kleingärten“ ist auf recht große Resonanz gestoßen. Es wurde von Lesern mit Recht darauf hingewiesen, daß solcher Müll nicht notwendigerweise von Vorpächtern stammt, sondern oft auch von Mitbürgern, die keinerlei persönlichen Bezug zu der jeweiligen Kleingartenanlage haben (sprich: nicht selbst Pächter sind), sondern diese nur als bequeme Müllkippe mißbrauchen.

Ich möchte auch betonen, daß der Artikel keineswegs die Absicht verfolgte, einen bestimmten Kieler Verein, bzw. dessen Vorstand, zu kritisieren, sondern ein Problem ansprechen wollte, das viele Vereine betrifft. Mir sind konkrete Beispiele für den beschriebenen Mißstand aus mehreren Kieler Vereinen bekannt, aber nur von einem dieser Beispiele lagen mir Photos vor.

Schließlich hat sich die Pächterin dieses besonderen Gartens, den die Photos zeigen, selbst noch mal ausführlich zu Wort gemeldet, um ihre Erfahrungen zu schildern, und sie hat dies in so authentischer Form getan, daß ich beschlossen habe, diese Schilderung (mit ihrer freundlichen Genehmigung) an dieser Stelle zu veröffentlichen:

Ich wußte bei der Übernahme, daß da Müll in und hinter der Laube lagert. Ich habe ja bewußt einen „häßlichen“ Garten übernommen, um den wieder schön zu machen, aber daß ich dann selbst in einem Meter Tiefe noch auf dicke Schichten Müll treffen würde, war mir nicht klar. Die drei Dinge, die meine Kumpels und ich am häufigsten fanden waren Dachpappe, Eternit und rostige Sägen. Aber es war noch viel mehr; Spielzeug, Kleidungsstücke, Lacke, (Auto-)Batterien, unbeschriftete, aber volle Chemikalienbehälter, Fliesen, lackiertes Holz, Metallschrott, Wellblech, Plastikmüll in allen möglichen Formen, betongefüllte Regenrinnenrohre… Ich wollte ein Beet anlegen, stach mit dem Spaten in den Boden, und es zischte plötzlich sehr laut. Boah, hab ich da ’nen Schrecken bekommen! Es stellte sich heraus, daß ich eine Spraydose angestochen hatte, deren Beschriftung nicht mehr lesbar war. Ich habe dann vorsichtig weitergebuddelt und etwa 1,5 Kubikmeter Müll zu Tage befördert, teilweise mit Gehwegplatten abgedeckt, unter der Grasnarbe. Und ich wollte doch nur schnell ein Beet für meine beiden Stachelbeersträucher anlegen. Monate später waren die Stachelbeeren dann im Beet und der Müll draußen. Dafür mußte ich mich aber auch von mehreren Nachbarn anschnauzen lassen, daß der Müll da gefälligst gestern noch verschwinden möge. Was denken die, wie schnell das geht, wenn man ’n halbfertiges Studium, eine Vollzeit-Ausbildung und ’nen Nebenjob an der Backe hat? Und was denken die, wie viel Geld ich hab für die Entsorgung von Eternit und Dachpappe? Das schaffe ich eben immer nur etappenweise, in kleinen Mengen. Unter der alten baufälligen Hütte, die ich mit Kumpels zusammen im April abgerissen habe, fanden wir 5 weitere alte Fundamente. Gips, Beton, alles dabei, Sinnvolles und Unsinniges. Und noch mehr Müll. So konnten wir nicht wie geplant im April mit dem Bau der Hütte beginnen, sondern vor einigen Wochen erst. Das Provisorium der häßlichen Zeltplane existiert also immer noch, wer mal an Parzelle 355 vorbeigekommen ist, hat dieses „Endzeit-Zeltlager“ vielleicht gesehen. Daß das nicht schön ist, seh ich ja auch ein. Aber wenn ich vom Verein eine Mahnung bekomme, in der steht, daß eine kleingärtnerische Nutzung nicht erkennbar sei, finde ich das nicht ansatzweise lustig. Ich baue schon so einiges an: Kartoffeln, Zucchini, Kürbisse, Stachelbeeren, Johannisbeeren, Himbeeren, Josta, dornenlose Brombeeren, Erdbeeren, Äpfel, Kirschen, Sanddorn, Hagebutten, Kiwis, … und in Planung ist noch mehr.

Unfreiwillige Archäologen

Viele der Kleingartenanlagen im Kieler Grüngürtel stammen aus dem späten 19. oder frühen 20. Jahrhundert, in diesen Parzellen wird also seit hundert Jahren oder noch länger gegärtnert. Generationen von Pächtern haben ihre Spuren hinterlassen, und wer heute in diesen Gärten die Erde umgräbt, kann unverhofft zum Archäologen werden. In Parzelle 556 stößt man in etwa 30 cm Tiefe auf Schichten, die möglicherweise aus der Kaiserzeit stammen (vielleicht auch nur aus der Weimarer Zeit, eindeutig datierbare Funde gibt es leider noch nicht).

Häufiger sind allerdings Funde aus der nicht so fernen Vergangenheit – die vermutlich vom Vorpächter erst vor verhältnismäßig kurzer Zeit unter die Erde gebracht, bzw. in die Natur gekippt wurden. Im Klartext: Müll. Viele Gartenpächter können ein Lied singen von immer neuen konspirativen Mülldeponien, auf die sie in ihren Parzellen stoßen. Es gibt kaum etwas, das nicht schon gefunden wurde, von Unterhaltungselektronik über rostige Metallreste bis hin zu Autobatterien und Kanistern mit geheimnisvollen Chemikalien. Die allmähliche Zunahme solcher Bestandteile im Boden stellt einen Anteil der allgemeinen Verwahrlosung vieler Parzellen und Anlagen dar, welche die gegenwärtigen Bemühungen, diese traditionsreichen Gärten für zukünftige Generationen zu erhalten, erheblich belastet. Notwendig wäre eine allmähliche Sanierung solcher verwahrloster und jahrzehntelang rücksichtslos zugemüllter Parzellen.

Die „Bürgerinitiative für den Erhalt des Kieler Grüngürtels“ bemüht sich, den Zustand Kieler Kleingartenanlagen zu verbessern, indem neue Pächter gerade für verwahrloste Parzellen geworben werden. Und unvermeidlicherweise stoßen manche dieser Neupächter in ihren Parzellen dann auf vergrabene Müllberge; zusätzlich wollen noch andere Altlasten, wie abbruchreife Lauben, abgetragen werden. Für diese Sanierungsarbeit wenden die Pächter Zeit, und oft auch Geld, in erheblichem Umfang auf. Die eigentliche gärtnerische Tätigkeit, also das Anlegen und Bewirtschaften von Beeten, kommt dadurch oft zu kurz, zumindest in den ersten Jahren nach Übernahme eines solchen Gartens.

Leider begegnen die Vorstände mancher Kleingärtnervereine diesen Arbeiten nicht mit Anerkennung und  Unterstützung – sondern mit Mahnschreiben wegen des nicht vorschriftsgemäßen Zustandes der Parzellen, und dabei wird auch keine Rücksicht darauf genommen, daß eine Parzelle erst vor wenigen Monaten gepachtet wurde.

Man mag das auf die allgemeine Überforderung der (ehrenamtlichen) Vorstandsmitglieder zurückführen, oder auf ihre Nervosität angesichts des zunehmend feindseligen Kurses der Kieler Stadtpolitik, die bekanntlich darauf abzielt, den Kieler Grüngürtel weitgehend abzubauen. Aber die Konsequenzen für die Motivation der Neupächter sind verheerend. Es besteht ein sehr konkretes Risiko, daß manche betroffene Pächter angesichts dieser  rücksichtslosen Behandlung aufgeben und ihre Parzellen gleich wieder kündigen.

Da frage ich mich doch: Was ist das kleinere Übel fuer die Vereine: Unverpachtete verwahrloste Parzellen, oder  verpachtete Parzellen, die noch Mängel aufweisen, an denen aber zumindest jemand arbeitet?

pppkRepräsentative Bilder der Müllberge, die die neue Pächterin von Parzelle 355 im Prüner Schlag (nördlicher Teil) in den letzten 15 Monaten freilegte und entsorgte; auch sie erhielt statt einer Anerkennung ein Mahnschreiben.

Sommerbilder

Nach guter Tradition gibt es auch in diesem Jahr wieder ein Posting mit aktuellen Sommerbildern aus Parzelle 556. Trotz gelegentlicher Besuche von Plünderern und Vandalen (von den Kaninchen will ich lieber nicht reden) hat sich der Garten recht ansehnlich entwickelt. Ob es letztlich eine nennenswerte Ernte geben wird, bleibt abzuwarten, aber die Photos bleiben uns in jedem Fall.

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Pfefferminze und Ringelblume

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Baumspinat / Magenta-Spreen hat sich dieses Jahr selbst ausgesät.

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Die blühende Wilde Karde ist bei den Hummeln sehr beliebt. Die Pflanzen stammen vom „Rundbeet Kiel“.

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Die Kürbisse wuchern mal wieder wie wild.

Wo will diese Ranke eigentlich hinwachsen? Will sie eine Frucht oben auf der Weißdornhecke wachsen lassen?

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Auch Äpfel wird es wieder geben, wenn auch vielleicht nicht so viele wie vergangenes Jahr.

Noch mehr Zerstörung auf dem „Knödel-Saft“-Gelände