Anmerkungen zur „Gender-gerechten Sprache”

Es ist oft beobachtet worden, daß Länder, deren Bevölkerung sich im Wesentlichen aus zwei ethnischen Gruppen zusammen setzt (wie etwa Belgien oder Kanada, aber auch Südafrika), viel größere Probleme bezüglich des Zusammenlebens dieser Gruppen haben als Länder, bei denen es drei oder mehr ethnische Gruppen sind. Der Grund ist offensichtlich: Von zwei Gruppen wird sich immer eine als benachteiligt fühlen, in politischer oder wirtschaftlicher oder sonstiger Hinsicht, und sie wird sich daher mit dem Gedanken der Abspaltung beschäftigen. Hingegen kann bei mindestens drei Gruppen ähnlicher Größe die Dominanz einer einzelnen Gruppe zumeist durch ein Zusammengehen der anderen Gruppen verhindert werden.

Nun gefiel es dem Allmächtigen, die gesamte Menschheit in zwei Gruppen einzuteilen: als Mann und Frau erschuf er uns. Diese beiden Gruppen sind von Natur aus zur Koexistenz und mehr noch, zum Zusammenleben verurteilt; Abspaltung ist keine Option, wenn die Menschheit nicht aussterben soll. Also besteht die Herausforderung darin, Gesellschaften zu errichten, die die Gleichberechtigung der beiden Geschlechter realisieren. Verkompliziert wird die Situation noch dadurch, daß es Menschen gibt, die es ablehnen, zu einer dieser beiden Gruppen zu gehören, i.e., die eine nicht-binäre Geschlechtsidentität haben.

In der Vergangenheit betonten viele Gesellschaften den Unterschied zwischen Mann und Frau, und dies nicht nur in Bezug auf die bevorzugte Farbe für Babykleidung; das ging soweit, daß manche Schulen getrennte Eingänge für Mädchen und Jungen aufwiesen [3], etwa so wie es im südafrikanischen Apartheidsregime in öffentlichen Parks getrennte Sitzbänke für Schwarz und Weiß gab. Ebenso unterscheiden viele Sprachen zwischen Mann und Frau, etwa durch ein grammatisches Geschlecht (Genus); im Japanischen bestehen sogar für das Personalpronomen „ich” unterschiedliche Wörter, je nach dem (biologischen) Geschlecht des Sprechers.

Mit der sprachlichen Unterscheidung ging eine Hierarchie einher, üblicherweise zum Nachteil der Frauen: Die Männer waren „Bürger” und damit stimmberechtigt, die Frauen nicht. Im Zuge der allmählichen Einführung des Frauenstimmrechtes in der Schweiz, die erst im Jahre 1990 abgeschlossen war, strebten die Schweizer Frauen an, ebenfalls als „Bürger” anerkannt zu werden, mit Hinweis darauf, daß der Begriff „Bürger” in der deutschen Sprache Menschen beiderlei Geschlechtes beinhalte. Es waren die Gegner des Frauenwahlrechtes, die aber zu argumentieren versuchten, mit dem Begriff „Bürger” seien keine Menschen weiblichen Geschlechts gemeint: Was der „Bürger” darf, darf die „Bürgerin” noch lange nicht [2].

Ähnlich wie beim Schweizer Engagement für das Frauenstimmrecht ist die Position des britischen Feminismus, der in der Unterscheidung männlicher und weiblicher Berufsbezeichnungen einen Ausdruck der Diskriminierung der Frauen sieht. Demzufolge sollen die entsprechenden Begriffe, wie beispielsweise „actress” für „Schauspielerin”, nicht mehr verwendet werden, sondern auch der weibliche Schauspieler soll darauf Wert legen, als „actor” bezeichnet zu werden [2]. In einigen Fällen wird dieser Schritt auch in umgekehrter Richtung vollzogen, etwa bei Berufen, die früher fast ausschließlich von Frauen ausgeübt wurden, wie etwa „nurse” für „Krankenschwester”; hier soll der zusammengesetzte Begriff „male nurse” vermieden werden [2].

Bekanntlich verbreitet sich im deutschen Sprachraum zunehmend die entgegengesetzte Position, derzufolge es gerade Ausdruck von Diskriminierung sei, beispielsweise weibliche Schauspieler mit unter den Begriff „Schauspieler” einzuordnen; stattdessen soll, bei gemischten Gruppen, explizit von „Schauspielern und Schauspielerinnen” gesprochen werden, und weil das so ausufernd lang ist, schreibt man dann nur die weibliche Form, und stellt vor die Endung „-innen” irgendein Sonderzeichen ohne eigene phonetische Qualität, etwa ein Sternchen, einen Doppelpunkt, oder einen Unterstrich. Die Wahl eines Sternchens scheint von den „Wildcards” der Computerprogrammierer inspiriert worden zu sein; mit etwas Phantasie und gutem Willen kann man sich dann vorstellen, daß mit diesem Symbol auch noch die Existenz nicht-binärer Geschlechtsidentitäten berücksichtigt wäre.

Die Formulierung, die Verwendung dieser „Gender-gerechten” Sprache verbreite sich zunehmend, ist eine offensichtliche Untertreibung, eher muß man sagen, sie ist in erheblichen Teilen der Gesellschaft nahezu schon zu einem Standard geworden; selbst Verwaltungen, Universitäten und staatliche Medien verwenden sie. Von einem modernen, zivilisierten Menschen wird erwartet, schriftlich wie mündlich zu „gendern”, und die Nichtbefolgung dieser ungeschriebenen Regel wird zunehmend mit Mißbilligung registriert.

Am weitesten „fortgeschritten” sind wie üblich die sozialen Medien; wer auf Facebook versehentlich mal an einer Stelle den Gender-Stern vergessen hat, kann sich im Handumdrehen einen ruppigen Rüffel seitens irgendeines engagierten Sprach-Polizisten einfangen. Und wer sich gar offen gegen Gender-Sprache ausspricht, wird inzwischen bereits so behandelt, als hätte er sich aktiv dafür ausgesprochen, dem weiblichen Teil der Bevölkerung die Bürgerrechte wieder komplett abzuerkennen. Außerdem lehnt doch auch die AfD Gender-Sprache ab, also muß jeder Kritiker der Gender-Sprache ein verkappter Rechtsextremer sein.

Verstörend an diesem Konflikt ist das fast völlige Fehlen von Sachargumenten. Das oben erwähnte Beispiel der britischen Feministen zeigt doch, daß explizite Betonung weiblicher Sprachformen keine zwingende Notwendigkeit auf dem Weg zur Gleichberechtigung der Geschlechter ist. Die faktische Verweigerung von auf Argumenten basierender Diskussion thematisierte der SPD-Politiker Wolfgang Thierse in seiner Kritik der Identitätspolitik, die im Februar 2021 in der FAZ erschien, auch im Hinblick auf „Reglementierungen von Sprache per Anordnung oder per Verboten” [4]. Die Reaktionen auf Thierses Text fielen teils heftig aus, „reaktionär” und „neurechter Sprech” gehören noch zu den vergleichsweise harmlosen Kommentierungen. Selbst die SPD-Parteivorsitzende Saskia Esken äußerte sich „beschämt über die Aussagen einzelner Vertreter*innen der SPD”, die ein „rückwärtsgewandtes Bild der SPD” zeichneten. Thierse bot daraufhin an, die Partei zu verlassen.

Aber ist es wirklich die echte Überzeugung, Gender-Sprache stelle eine wertvolle Errungenschaft dar, welche zu diesen heftigen, aggressiven Reaktionen führt? Oder ist es nicht vielleicht eher die Befürchtung, man könne selbst das Opfer des nächsten öffentlichen Shitstorms werden, wenn man es an Engagement für die Gender-Sprache fehlen läßt? Auf einem nicht von Argumenten, sondern von einem simplen Richtig-Falsch-Schema geprägten Spielfeld entwickeln sich Verhaltensweisen, die man sonst eher von Gesellschaften kennt, die auf einer unantastbaren Staatsideologie aufgebaut sind. Tatsächlich hat die Gender-Sprache keine demokratische Legitimation, vielmehr wird sie in repräsentativen Umfragen von einer deutlichen Mehrheit der Bevölkerung Deutschlands abgelehnt, übrigens auch von einer Mehrheit der Frauen [5].

Die Schriftstellerin Nele Pollatschek (die sich selbst als „Schriftsteller” betrachtet und bei Veranstaltungen nicht als „Gästin” bezeichnet werden möchte) vertritt die Ansicht, daß Gender-Sprache selbst sexistisch sei, eben weil sie nicht die Gleichheit der Geschlechter betone, sondern deren Verschiedenheit [2], und tatsächlich bedeutet das Verb „diskriminieren” im Kern ja nichts anderes als „unterscheiden”. Pollatschek nervt dieses ihr aufgezwungene „Dauerfrausein”, sie möchte nicht in einem fort daran erinnert werden, daß sie eine Frau ist; im Grunde genommen findet sie, dieses persönliche Detail gehe keinen etwas an. Man kann ja auch schwul, jüdisch, stark pigmentiert, etc. sein, ohne daß diese Privatinformationen ständig in die Sprache integriert werden müßte, mit der man angesprochen wird. Den Anhängern der Gender-Sprache geht es immer um das „Sichtbarmachen” der Frauen, aber merkwürdigerweise haben sie noch nie vorgeschlagen, die Sprache zu verändern, damit auch Schwule, Juden, Schwarze, etc. sichtbarer werden. Begriffe wie „Schriftstellerjude” oder „Schwarzgast” fühlten sich dann doch „verdammt falsch an”, bemerkt Pollatschek [2].

Ähnlich äussert sich der Sexualforscher Kurt Starke: „In beliebigen Zusammenhängen und Situationen wird (…) nur eine Untergruppe zuungunsten aller anderen hervorgehoben und – auf individueller Ebene – die Gesamtpersönlichkeit auf das Geschlecht reduziert ( … durch gendergerechte Sprache wird) die alte Geschlechtertrennung zementiert und die Unversöhnlichkeit der beiden Geschlechter zum Konzept gemacht” [3].

Die Journalistin Franziska Augstein weist darauf hin, daß allein durch Einführung der Gender-Sprache die real existierende Benachteiligung von Frauen in unserer Gesellschaft nicht überwunden wird: „Frauen aller Berufe verdienen im Schnitt weniger als Männer. Dem wird die von Wohlmeinenden geforderte verbindliche Sternchen-Schreibweise nicht abhelfen. Gesellschaftliche Veränderungen geschehen nicht, weil Interessengruppen das wünschen, und schon gar nicht geschehen sie mittels sprachlicher Verordnungen (…) Die Gleichstellung mittels Sprachpolizei durchsetzen zu wollen, ist eine schlechte Idee” [1].

Pollatschek fügt spöttisch hinzu: „Mag sein, dass die Gender-Pay-Gap im D-A-CH-Raum höher ist als in fast allen anderen europäischen Ländern und sich daran seit fünfundzwanzig Jahren kaum was ändert, aber dafür wird in irgendeinem Provinzamt jetzt gegendert” [2].

Pollatschek wünscht sich eine Welt, in der die Sprache nicht mit sexuellen Informationen – oder sonstigen persönlichen Informationen – aufgeladen wird. Ein Begriff wie „Bundeskanzler” solle (wieder) als geschlechtsneutral verstanden werden, ebenso wie im Englischen der Begriff „prime minister” mit völliger Selbstverständlichkeit auf männliche wie weibliche Inhaber dieses Amtes angewandt wird [2]. Auch nach Ansicht von Starke sei ein Begriff wie „der Leser” an sich ein Allbegriff, in dem bereits beide Geschlechter enthalten seien, ebenso wie in Begriffen wie „der Mensch”, „die Person” oder „das Kind” keine Einschränkung auf eines der Geschlechter vorliege, ungeachtet des jeweiligen grammatischen Geschlechtes [3].

Schließlich verweist Pollatschek auf ein positives Beispiel dafür, wie es dem Sprachwandel gelungen ist, eine implizite persönliche Information von einem Begriff der deutschen Sprache zu entfernen: Noch in den 1950er Jahren bedeutete die Anrede „Frau Müller”, daß wir es mit einer verheirateten Frau zu tun hatten, denn wäre sie unverheiratet, so hätte sie „Fräulein Müller” geheißen [2]. Per Erlaß wurde 1972 in der Bundesrepublik endgültig die Bezeichnung „Fräulein” offiziell abgeschafft, so daß der Familienstand nun auch bei Frauen Privatsache ist, wie er es bei Männern schon zuvor war.

Aus den in diesem Artikel aufgeführten Gründen – und nicht aus „rückwärtsgewandter” Einstellung, oder aus vermeintlicher Nähe zur AfD und ähnlichen Gruppierungen – werde ich auf diesem Blog auch weiterhin davon Abstand nehmen, Gender-Sprache zu verwenden.

Literaturverzeichnis

[1] Franziska Augstein: Post von Augstein: Sie, er, es. Spiegel-Online, 24.4.2021

[2] Nele Pollatschek: Gendern macht die Diskriminierung nur noch schlimmer. Der Tagesspiegel, 30.8.2020

[3] Kurt Starke: Jenseits von Geschlecht. der Freitag 3/2021

[4] Wolfgang Thierse: Wie viel Identität verträgt die Gesellschaft? Franfurter Allgemeine Zeitung, 22.2.2021

[5] Mehrheit der Deutschen lehnt gendergerechte Sprache ab. dpa-infocom, dpa:210523-99-710531/2 , 23.5.2021

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