Die Zerstörung der Ausgleichsflächen auf dem Prüner Schlag im Herbst 2020: Dokumentation anhand von Photos, Videos und Augenzeugenberichten

Der im Jahr 2016 rechtskräftig gewordene Bebauungsplan 988 für den Bau der Möbelhäuser „Höffner“ und „Sconto“ legt fest, daß auf den ehemaligen Kleingartenanlagen „Prüner Schlag 10-18“ und „Brunsrade 18-23“ neben dem „Sondergebiet Einzelhandel-Möbel“, also der eigentlichen Baufläche, auch „Flächen zum Schutz, zur Pflege und zur Entwicklung von Boden, Natur und Landschaft“ bestehen müssen, die etwas mehr als ein Drittel der Gesamtfläche ausmachen. Dabei war ausdrücklich gefordert, daß diese Flächen, vereinfachend auch „Ausgleichsflächen“ genannt und mit A1, A2 und A3 bezeichnet (siehe Karte), in ihrem gegenwärtigen verwilderten Zustand belassen sowie schonend gepflegt und ökologisch aufgewertet werden sollen.

Stattdessen wurde aber im Herbst 2020 in diesen Ausgleichsflächen fast die gesamte Vegetation vernichtet, bis auf einige Bäume und Heckenreste, und der Boden wurde von schweren Kettenfahrzeugen niedergewalzt; etwa 50 Bäume wurden gefällt, darunter auch solche mit bis zu 1,80 Meter Stammumfang. Die ansässige Tierwelt wurde vertrieben oder ausgelöscht.

Als dies im Januar 2021 bekannt wurde, teilte Edda Metz, Geschäftsführerin von „Möbel Höffner“, mit, es habe sich nur um einen einzelnen Baggerfahrer gehandelt, der die Karte nicht richtig gelesen habe. „Wo gearbeitet wird, passieren Fehler“, sagte sie.

Diese Behauptung hat den Krieger-Konzern (zu welchem „Möbel Höffner“ gehört) zwar nicht vor mehreren Strafanzeigen bewahrt, darunter einer von der Stadt Kiel selbst, aber sie hat sich doch in vielen Köpfen festgesetzt. „Eine Irrfahrt mit Folgen“ titelten die „Kieler Nachrichten“, und auch viele Redebeiträge in der Sitzung der Kieler Ratsversammlung vom 18.2.2021 ließen die Grundüberzeugung erkennen, die Bauarbeiter hätten versehentlich die Ausgleichsflächen zerstört.

Take-home message: Die Schuld liegt allein bei einem (oder vielleicht auch mehreren) unfähigen Baggerfahrern, der Bauherr kann nichts dafür.

In Wirklichkeit sind die Ausgleichsflächen aber nicht von den auf der eigentlichen Baustelle tätigen Unternehmen niedergemäht worden, sondern von einem anderen, offenbar eigens für diesen Zweck beauftragten, Unternehmen für Gartenbau. Es handelte sich um eine systematische planvolle Zerstörung, die 6-8 Wochen in Anspruch genommen hat und schon daher nicht mit der Irrfahrt eines einzelnen Baggerfahrers erklärt werden kann.

Der vorliegende Blog-Artikel hat den Zweck, dies zu beweisen, durch Photos, Videos und Augenzeugenberichte. Dazu erscheint es sinnvoll, die Vorgänge und die vorliegenden Daten chronologisch darzustellen.

Die Ausgleichsflächen vor der Zerstörung

Die Bauarbeiten begannen etwa Ende September 2020, zunächst nur auf der eigentlichen Baufläche. Ein Bauzaun wurde errichtet, jedoch war er zunächst noch nicht geschlossen, sondern endete im westlichen Teil der Fläche.

Ausgleichsfläche A1, vor der Zerstörung; im Vordergrund die bereits vorbereitete Baufläche; Aufnahmedatum: 17.10.2020
Ausgleichsfläche A2 vor der Zerstörung; im Vordergrund haben die Bauarbeiten bereits angefangen; Aufnahmedatum: 29.9.2020. Die vorderste Parzelle ist Parzelle 556.

Der Beginn der Arbeiten im Oktober

Am 26.10.2020 besuchte ich meine ehemalige Parzelle (556) in Ausgleichsfläche A2 und stellte fest, daß während der vorangegangenen Tage die Vegetation in den Ausgleichsflächen nieder­gemäht worden war. Diesen Zustand dokumentieren folgende Luftbilder:

Ausgleichsfläche A1 nach Beginn der ersten Arbeiten: die Vegetation wurde gemäht, der Boden ist aber noch nicht aufgebrochen. Aufnahmedatum: 1.11.2020. Man beachte die recht prominente Thuja, mittig nahe dem rechten Bildrand; sie wird weiter unten nochmals gezeigt werden.
Ausgleichsfläche A2 nach Beginn der ersten Arbeiten; Aufnahmedatum: 29.9.2020. Links vorne ist Parzelle 556 zu sehen.

Arbeiten im November 2020

Am 3.11.2020 wurden von einer Anwohnerin in Ausgleichsfläche A2 Fahrzeuge der „Firma X“ (der wirkliche Name ist mir bekannt) beobachtet und gefilmt; hier ein Einzelbild aus einem Video:

Fahrzeug der „Firma X“ auf Ausgleichsfläche A2; Aufnahmedatum: 3.11.2020; Photograph: Anwohnerin B. Einzelbild aus einem Handy-Video, das einen 360-Grad-Rundum-Schwenk zeigt, aus dem ersichtlich ist, daß sich das Fahrzeug neben der Zufahrt vom Hasseldieksdammer Weg zur „Grünen Schützengilde“ befindet.

Im Januar 2021 bestätigte der Geschäftsführer der „Firma X“ bei einem Telephonat, daß er 2020 auf dem Gelände gearbeitet habe. Ein Bericht über dieses Telephonat ist zu finden auf dem Blog „Kiel Aktuell“ unter https://kielaktuell.com/2021/01/26/so-sieht-es-heute-auf-der-ausgleichsflaeche-aus/

Am 5.11.2020 nachmittags wollte ich meine ehemalige Parzelle (556) in Ausgleichsfläche A2 besuchen, unterließ dies jedoch, da ich auf dem Gelände zahlreiche Kettenfahrzeugen und Arbeiter vorfand – leider habe ich sie nicht gezählt oder photographiert.

Am 11.11.2020 wurden von einer Anwohnerin in Ausgleichsfläche A1 gleichzeitig drei Kettenfahrzeuge und ein Schredder der „Firma X“ beobachtet und gefilmt; hier zwei Einzelbilder aus einem Video:

Kettenfahrzeuge der „Firma X“ auf Ausgleichsfläche A1; Aufnahmedatum: 11.11.2020; Photograph: Anwohnerin B. Einzelbild aus einem Handy-Video.
Kettenfahrzeuge der „Firma X“ auf Ausgleichsfläche A1; Aufnahmedatum: 11.11.2020; Photograph: Anwohnerin B. Einzelbild aus einem Handy-Video.

Eines dieser Kettenfahrzeuge wurde am selben Tag von einer anderen Anwohnerin auf Ausgleichsfläche A3 beobachtet und photographiert:

Kettenfahrzeug der „Firma X“ auf Ausgleichsfläche A3; Aufnahmedatum: 11.11.2020; Photograph: Anwohnerin R.
Kettenfahrzeug der „Firma X“ auf Ausgleichsfläche A3; Aufnahmedatum: 11.11.2020; Photograph: Anwohnerin R.

Gemäß der „Gläsernen Akte“ auf der Homepage der Stadt Kiel besuchten Vertreter der Unteren Naturschutzbehörde am 11.11.2020 das Gelände zu einem Ortstermin. Die Referentin für Umwelt, Klima und Mobilität schrieb anschließend an die Ratsfraktionen: „Am 11.11.2020 wurden die Flächen kontrolliert. Die in den im B-Plan festgesetzten Maßnahmeflächen A1 bis A3 festgestellt Arbeiten entsprachen nicht den verbindlich festgelegten Entwicklungszielen. Die Arbeiten waren bereits abgeschlossen.

Am 14.11.2020 besuchte ich meine ehemalige Parzelle (556) in Ausgleichsfläche A2 und fand den Bauzaun um die eigentliche Baustelle vollständig geschlossen vor. Mehrere Bäume waren gefällt.

Am 16.11.2020 wurden von einem Anwohner in Ausgleichsfläche A1 gleichzeitig zwei Kettenfahrzeuge beobachtet und photographiert:

Kettenfahrzeuge der „Firma X“ auf Ausgleichsfläche A1; Aufnahmedatum: 16.11.2020; Photograph: Anwohner D.

Um die Stelle zu identifizieren, an der dieses Photo aufgenommen wurde, habe ich später das folgende Photo aufgenommen. Die prominente Thuja, die diese Photos zeigen, ist auch auf vielen Luftbildern sichtbar (s.o.) und kann als Orientierungspunkt verwendet werden.

Thuja auf Ausgleichsfläche A1; Aufnahmedatum: 28.2.2021; Photograph: Abutimon.

Am 19.11.2020 wurde von einer Anwohnerin auf dem Wanderweg neben Ausgleichsfläche A1 der Abtransport eines Abfallcontainers beobachtet und gefilmt; hier ein Einzelbild aus einem Video:

Fahrzeug der „Firma Y“ mit Abfallcontainer auf dem Wanderweg neben Ausgleichsfläche A1; Aufnahmedatum: 19.11.2020; Photographin: Anwohnerin B. Einzelbild aus einem Handy-Video.

Der Geschäftsführer der „Firma X“ gab an, es seien von dem Gelände insgesamt 14 Container mit Grünabfall abgefahren worden.

Das folgende Bild hat eine Anwohnerin nach eigenen Angaben am 20.11.2020 um 15:31 Uhr aufgenommen. Sie schreibt dazu: „An diesem Tag habe ich kurz vorher beim Spaziergang mit dem Hund gesehen, wie die Brombeeren entrissen wurden, welche an dem Weg wuchsen. Ein kleiner Bagger (orange) wurde fleißig genutzt und es stand noch ein Mann mit einer Fernbedienung in der Hand auf dem Gelände und hat eine Art kleine ‚Raupe mit Greifarmen‘ bedient, welche die Sträucher herausgerissen hat. Leider habe ich da keine Bilder von gemacht. Ich war zu fassungslos … beide Männer hatten Grün/ Orange Kleidung an.

Container, Grünschnitt und Betonschutt auf Ausgleichsfläche A1. Aufnahmedatum: 20.11.2020. Photographin: Anwohnerin M.

Am 2.12.2020 wurde von einer Anwohnerin am Rande der Ausgleichsfläche A2, bzw. im Knick zwischen der Ausgleichsfläche und dem Hasseldieksdammer Weg, ein Bagger beobachtet und photographiert:

Bagger am Rande von Ausgleichsfläche A2; Aufnahmedatum: 2.12.2020; Photograph: Anwohnerin S.

Das Ergebnis der Arbeiten

Die gegen Ende November 2020 weitgehend abgeschlossene Zerstörung der Ausgleichsflächen wird durch die folgenden Luftbilder vom November bzw. Dezember dokumentiert:

Ausgleichsfläche A1, nach der Zerstörung. Aufnahmedatum: 27.11.2020. Links im Bild ein mehrere Meter hoher Berg von Grünabfall und Schredderauswurf, der erst Anfang Februar 2021 abgefahren wurde.
Ausgleichsfläche A1, nach der Zerstörung. Aufnahmedatum: 27.11.2020. Etwas oberhalb der Mitte ist die prominente Thuja zu sehen.
Ausgleichsfläche A1, nach der Zerstörung. Aufnahmedatum: 19.12.2020.
Ausgleichsfläche A1, nach der Zerstörung. Aufnahmedatum: 19.12.2020.
Ausgleichsfläche A2, nach der Zerstörung. Aufnahmedatum: 19.12.2020. Im rechts-oberen Bildviertel befindet sich Parzelle 556.

Abschließend noch einige Bilder vom Boden:

Baggerspur und Heckendurchbruch in Parzelle 556. Aufnahmedatum: 8.11.2020. Photograph: Abutimon.

Während der Bodenbewuchs in Parzelle 556 noch einigermaßen intakt ist, sind andere Parzellen wesentlich schlimmer betroffen:

Fahrzeugspuren in Ausgleichsfläche A2. Aufnahmedatum: 28.11.2020. Photograph: Abutimon.
Fahrzeugspuren in Ausgleichsfläche A2. Aufnahmedatum: 28.11.2020. Photograph: Abutimon.
Mehrere Meter hoher Berg von Grünabfall und Schredderauswurf in Ausgleichsfläche A2, der erst Anfang Februar 2021 abgefahren wurde. Aufnahmedatum: 28.11.2020. Photograph: Abutimon.
Frische Baumstümpfe in Ausgleichsfläche A2, Nähe Westring. Aufnahmedatum: 28.11.2020. Photograph: Abutimon.

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