Die Sorgen des Vorsitzenden

Die Landeshauptstadt Kiel diskutiert mal wieder über eines ihrer Lieblingsthemen: Kleingärten. Auslöser ist dieses Mal ein Offener Brief des Vorsitzenden des größten Kieler Kleingärtnervereins, Axel Zabe. Darin listet er, akkurat durchnumeriert, vier Punkte auf, über die er sich beschweren will:

  1. Ausbleibende (obwohl zugesagte) Hilfen für die Überschwemmungsschäden des vergangenen Winters;
  2. Ausbleibende (ebenfalls zugesagte) Hilfen für die Eingliederung von Migranten und „ausländischen Mitbürgern“;
  3. Von der Kieler Stadtverwaltung durchgeführte, „groß angelegte“ Begehungen, Kontrollen und Vorwürfe bezüglich Regelverstößen;
  4. eine Wirtschaftsprüfung des Vereines seitens der Kieler Stadtverwaltung.

Von diesen Punkten nimmt der dritte mit Abstand den breitesten Raum in dem Brief ein; in diesem Zusammenhang schreibt Zabe, „In meinen Augen sieht es so aus, als wenn man das Kleingartenwesen in Kiel vernichten möchte.“ Auch die Flächenverluste aufgrund der geplanten Möbel-Kraft-Ansiedlung werden erwähnt, allerdings im Zusammenhang mit zugesagten, aber dann vergessenen Ausgleichsflächen. Der Brief endet mit dem Satz, „Dieses Schreiben werde ich an Zeitungen, Funk und Fernsehprogramme schicken, in der Hoffnung, endlich irgendwo Gehör zu finden.“

Die Reaktionen der Kommunalpolitik auf den Offenen Brief fielen recht unterschiedlich aus. Die Ampel-Kooperation im Kieler Rathaus bezeichnete den Brief als „völlig kontraproduktiv“ und als „in der Sache und im Ton unakzeptables Schreiben“, überdies sprach sie von „martialischer Rhetorik“. Der SSW diagnostizierte einen „überforderten“ Vereinsvorsitzenden. Die übrigen Parteien ließen mehr Verständnis für Zabes Sorgen und Klagen erkennen.

Die „Kieler Nachrichten“ berichteten in zwei Artikeln über den Brief und die Reaktionen, ferner befaßte sich die zuständige Redakteurin in einem Kommentar mit dem Thema. In diesem läßt sie zunächst durchaus Sachkenntnis und Verständnis für die Kieler Kleingärtner erkennen, wenn sie schreibt: „Vor allem wegen der Ahndung von Regelverstößen hegen (die Kieler Kleingärtner) derzeit einen kollektiven Mißmut gegen die Stadt. Die Verärgerung ist nachvollziehbar, denn nach jahrzehntelanger Duldung fing die Stadt 2018 an, sämtliche Parzellen zu überprüfen (…) Pächter, Vereine, Kreisverband, Ratsmitglieder – keiner kann die plötzliche Aktivität der Verwaltung erklären. Kaum zu glauben, daß sie reine Willkür ist. Aber welche Strategie steckt bloß dahinter?“

Das frage ich mich allerdings seit einigen Monaten (und nicht nur ich), und alle Versuche, der Verwaltung eine sinnvolle Antwort zu entlocken, sind bislang fehl geschlagen. Es stimmt mit meinen Erfahrungen überein, daß selbst Ratsmitglieder ratlos vor dieser Frage, bzw. vor diesem Verwaltungshandeln stehen. Die CDU-Ratsfraktion beispielsweise schrieb in ihrer Reaktion auf Zabes Brief ausdrücklich, daß „einige Vorgänge bisher nicht bekannt“ waren. Es verfestigt sich daher der Eindruck, daß wir es hier mit einer teilweise außer Kontrolle geratenen Verwaltung zu tun haben, die mit streng preußischer Vorschriftstreue über das Kieler Kleingartenwesen hergefallen ist.

Wieso dann gerade die Vertreter der Kieler Ampel-Kooperation – die doch am ehesten imstande sein sollten, die außer Kontrolle geratenen Verwaltungsorgane wieder zu bändigen – den Offenen Brief Zabes so heftig angreifen, ist mir unverständlich. Wo bitte schön sehen sie denn da „martialische Rhetorik“ oder „unakzeptablen Ton“? Nur wegen des Wortes „Vernichtung“? Der aufmerksame Leser des Briefes wird doch eher Enttäuschung und geradezu Verzweiflung wahrnehmen, anstatt martialischer Gesinnung.

Schon seit Längerem vermuten viele Kieler Kleingärtner hinter dem schikanösen Verhalten der Verwaltung den – offen nicht eingeräumten – Wunsch nach Bauland, und auch die Kommentatorin der KN äußert diesen Verdacht, jedoch nur, um sich dann sogleich auf die Seite ebendieser Verwaltung und ihrer heimlichen Intentionen zu schlagen: Falls die Verwaltung von dem „Verlangen, das städtische Eigentum teils anders oder lukrativer zu nutzen“ angetrieben sei, wäre dies doch eine prima Idee, die man öffentlich diskutieren solle, anstatt sie zu verstecken. Und dann singt sie wieder das wohlbekannte Lied von den „Gärten zur Selbstversorgung“, die man in lange vergangenen Zeiten mal gebraucht habe, aber doch gewiß nicht mehr heutzutage in einer wachsenden „flächenarmen Großstadt“. Anstelle von Kleingärten brauche Kiel „Flächen für Naherholung, Wohnraum und Gewerbe“ (wieso Kleingartenanlagen der „Naherholung“ im Wege stünden, bleibt ihr Geheimnis). Dieses Plädoyer für die Abwicklung der Kieler Kleingärten, bzw. des Kieler Grüngürtels, schließt die Kommentatorin mit der Aussage, „Es kann nur schöner werden in den Kleingärten“. Absurder geht es nicht mehr.

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Parzelle 556 im Dezember 2018: es sieht nicht mehr ganz so schlimm aus wie ein Jahr zuvor, aber es bleibt noch sehr viel zu tun

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Direkt neben Parzelle 556 (links im Bild) erstreckt sich eine leblose planierte Mondlandschaft; alles was hier an Gärten erinnerte, ist ausgelöscht worden

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