Epilog

Parzelle 556 war zunächst ein Projekt der Bewegung für den Erhalt der Kleingärten auf dem Prüner Schlag, welche sich ab 2011 bildete, als Reaktion auf die Ankündigung, dieses Grüngelände für ein „Möbelmarktzentrum“ opfern zu wollen. Vereinzelt waren auch andere Parzellen von Aktivisten gepachtet worden, die dadurch einen Beitrag zum Erhalt des Geländes zu leisten hofften.

Diese bestimmte Parzelle hatte nicht ohne Grund leer gestanden, es gab dort keine vernünftige Laube und keinerlei Beete, dafür massenhaft Brennesseln, Löwenzahn, Giersch und Quecke. Anfangs ging ich davon aus, pro Monat vielleicht nicht mehr als eine halbe Stunde im Garten zu sein; aber dann ergriff mich und meine Familie die Magie des Lebens und der Natur, und wir begannen, die verwahrloste Parzelle allmählich zu kultivieren. Dieses Stückchen Land wuchs uns ans Herz, wir veränderten es, und es veränderte uns.

Nur wenige Monate nach Beginn dieses Pachtverhältnisses begann die große Kapitulationswelle der anderen Pächter, beflügelt von großzügigen Geld-Angeboten (sowie subtilen Drohungen) seitens des Investors; etwa ein Jahr später weigerten sich nur noch 3 von 317 Pächtern, ihre Pachtverträge selbst zu kündigen. Selbst die Vertreter des Investors staunten darüber, wie wenig Gegenwehr diese Personengruppe gegen die Auflösung ihrer Kleingartenanlage aufbrachte. Parzelle 556 aber blieb verpachtet und bewirtschaftet, auch als Anfang 2014 eine Armada an Baggern ein Drittel der Parzellen zerstörte (wodurch die Parzelle wochenlang fast komplett unter Wasser gesetzt wurde), auch als wenig später der Bürgerentscheid knapp verloren wurde, und auch als danach das verlassene Gelände jahrelang sich selbst (sowie den Plünderern und Vandalen) überlassen wurde.

Erst seit dem Dezember 2017 ist ein legaler Fortbestand dieser letzten Parzelle der Anlage nun rechtlich nicht mehr möglich; durch geschicktes Taktieren hätte ich die Zerstörung des Gartens vielleicht um einige Wochen verzögern können, aber es hätte keinen Weg gegeben, den Garten heil durch diesen Winter zu bringen. Ich hatte eigentlich die Absicht, die formelle Aufgabe des Gartens an die Bedingung zu knüpfen, daß die Gegenseite zunächst der Bewegung für den Erhalt des Prüner Schlages (zu deren Sprecher ich mich in diesem Moment selbst ernannte) akzeptable Kompromisse anbieten müsse, so wie ich es bereits in meinem Brief von Anfang September formuliert hatte (hier zu finden). Dieser allerdings war in Berlin anscheinend in der Ablage Rundordner entsorgt worden und folglich dem in Bad Segeberg ansässigen Unternehmen M.K. gar nicht bekannt; als dieses schließlich doch noch Notiz von dem Schreiben nahm und mir ein persönliches Gespräch anbot (ich werde in einem anderen Artikel über dieses Gespräch berichten), hatte man die Parzelle bereits schleunigst zerstören lassen.

Wenn ich jetzt noch einmal lese, was ich eben geschrieben habe, stelle ich fest, daß das eigentlich nicht stimmt. Die Wahrheit ist, daß ich nie die Absicht hatte, meinen Garten
aufzugeben, egal was die Gegenleistung gewesen wäre. Zu einem eigenen Garten baut man im Laufe einiger Jahre eine Beziehung auf wie zu einem eigenen Kind, wie könnte man den freiwillig aufgeben? Insofern ging es mir in den Verhandlungen mit den Abgesandten des Unternehmens M.K. wohl eher um Verzögerung (etwa durch die Frage, ob ich den Garten in den Jahren 2018 und 2019 nicht doch weiter betreiben dürfe, da doch erst 2020 gebaut werden soll); aber der Versuch scheiterte auf ganzer Linie. Infolgedessen wurde mir der Garten ohne Übergabetermin und überhaupt ohne jegliche formelle Vereinbarung fortgenommen, und das ist eigentlich auch nur konsequent. So brauche ich nun nicht gute Miene zum bösen Spiel zu machen, und M.K. kann nicht behaupten, sich auch mit dem letzten Pächter „einvernehmlich“ geeinigt zu haben. Ich habe kein Dokument unterschrieben, durch das ich formell auf meinen Garten verzichten würde, und ich habe keinerlei Entschädigungszahlungen angenommen.

Ich halte meinen Anspruch auf meinen Garten also aufrecht, und ich meine, die Kieler Bevölkerung (oder zumindest die Bevölkerung der angrenzenden Stadtteile) sollte in gleicher Weise einen Anspruch auf dieses gesamte Grüngelände aufrecht halten. Es ist keineswegs sicher, daß dieses „Möbelmarktzentrum“ tatsächlich gebaut werden wird. Es sollte mich nicht wundern, wenn das Projekt nach der Kommunalwahl vom Mai 2018 plötzlich kollabiert, so wie es diversen anderen Projekten desselben Investors auch widerfahren ist. Und falls es doch gebaut wird, so wird es sich früher oder später als unrentabel herausstellen und scheitern, und es wird wieder geschlossen werden und verfallen. Das gesamte auf künstlich erzeugtem Wachstum von Wirtschaft und Konsum basierende Wirtschaftsmodell wird scheitern, so hat es der Club of Rome bereits 1972 in seiner berühmten Studie The Limits To Growth vorausberechnet.

Dann wird Parzelle 556 wieder hergestellt werden. Ich bin fest davon überzeugt, daß es geschehen wird, und daß ich es erleben werde. Ich werde meinen Garten wieder aufbauen.

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Zumindest symbolisch hat der Wiederaufbau begonnen: Der Torbogen von Parzelle 556 ist wieder aufgerichtet.

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Diese „Insel“ ist alles, was von den vormals ausgedehnten Erdbeer-Beeten geblieben ist.

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