Untergang

Auch im Winter bemühe ich mich, an jedem Wochenende zumindest einmal kurz den Garten zu besuchen, um nach dem rechten zu sehen; da ich dies am 9./10. Dezember 2017 aber versäumt hatte, holte ich es am Dienstag darauf in der Mittagszeit nach.

Ich fand den Garten im Wesentlichen so vor, wie es gemäß der Jahreszeit zu erwarten war: Schneematsch und viel Wasser. In der Erde könnte ich jetzt gar nicht arbeiten, dachte ich. In einigem Abstand rumorte ein Bagger.

Die Tür der Laube stand offen – seit die ursprüngliche Tür entwendet wurde, dient eine andere als Ersatz, die ich aber nur provisorisch vor den Eingang stelle, ich muß sie mal richtig einbauen. In der Laube staunte ich wieder mal über die Mengen an Sand und Erde, die mein Untermieter (eine Ratte) zwischen den Bodenplatten emporgedrückt hatte. Ich verließ die Laube und stellte die Tür an ihren Platz.

Der Bagger stand jetzt auf dem Weg vor der Nachbarparzelle, der Motor war abgestellt. Ich warf einen abschließenden Blick auf den Garten und wandte mich zum Gehen – die Arbeit rief. Als ich das Tor verschlossen hatte, hörte ich, wie hinter mir der Bagger wieder zum Leben erwachte. Ich wandte mich kurz um, um zu sehen, was er vorhatte.

Der Bagger fuhr ein Stück auf die Nachbarparzelle. Dort lagen die Reste einer einst stattlichen Laube, die schon vor Jahren durch Gewalteinwirkung in einen Trümmerhaufen verwandelt worden war. Der Bagger beschäftigte sich jedoch nicht mit diesem Trümmerhaufen. Stattdessen begann er, die Weißdornbüsche herauszureißen, die die Hecke meiner Parzelle bilden. Er zupfte sie wie mit einer riesigen Pinzette heraus, es schien ganz leicht zu gehen. Er wird doch wohl nicht …?

Doch, er wird. Nachdem er auf 2-3 Metern die Hecke zerstört hatte, rumpelte der Bagger in meine Parzelle hinein, quer über den Rasen, bis er den Plattenweg erreichte, drehte dort ein Stück und nahm Kurs auf die Laube.

Es war mir klar, was dies bedeutete. Das Herz schlug mir bis zum Hals. Ich hätte mir ein Beispiel an Arthur Dent nehmen und mich vor den Bagger in den Matsch werfen sollen, aber ich war wie gelähmt. Dann wandte ich mich ab und ging rasch fort. Dieses Schauspiel wollte ich mir nicht freiwillig ansehen.

Offenbar hatte ich mich gerade endgültig von meinem Garten verabschiedet, ohne daß mir dies bewußt gewesen wäre. Es hatte ja noch nicht einmal eine offizielle Übergabe der Parzelle stattgefunden (seit einigen Tagen stand ich in dieser Angelegenheit im E-Mail-Kontakt mit den Vertretern des Investors).

Abends nach der Arbeit kehrte ich noch einmal zurück. Trotz der Dunkelheit konnte ich erkennen, daß fast die gesamte Fläche der Parzelle von Baggerspuren zerfurcht war. Der Torbogen war zerstört, das Tor über die Reste der Hecke in die Nachbarparzelle geworfen – die Kette mit dem Vorhängeschloß hing noch dran. Laube und Plattenweg waren verschwunden. An der Stelle, wo die Laube gestanden hatte, lag die Ratte, mit abgerissenem Kopf. Hatte sie versucht, Ihr Zuhause zu verteidigen?

Natürlich hatte ich damit rechnen müssen, daß das geschehen würde, trotzdem hat es mich kalt erwischt. Daß sie ohne vorherige Übergabe abreißen würden, hatte ich nicht erwartet – ansonsten hatten sie immer solchen Wert auf Korrektheit gelegt. Als ich einige Tage später im Container-Büro mit zwei Vertretern des Investors sprach, wurde mir erklärt, es habe sich wohl um ein Mißverständnis gehandelt. Man sei davon ausgegangen, daß ich mit dem Abriß einverstanden sei.

Das Mißverständnis kam dadurch zustande, daß ich in einer E-Mail gefragt hatte, ob ich 2018 und 2019 die Parzelle weiter betreiben könne, da in der Zeitung gemeldet worden war, daß erst im Jahr 2020 gebaut werden solle (das Ansinnen wurde abgelehnt). Als Gegenleistung hatte ich angeboten, daß die Laube schon jetzt abgerissen werden könne (sie war ja tatsächlich sehr baufällig); von der Verwüstung der gesamten Parzelle war allerdings nicht die Rede gewesen.

Für fast 6 Jahre hat dieser Garten mein, und meiner Familie, Leben begleitet. Er war ein Teil meiner Identität geworden. Diese Lebensphase ist jetzt zu Ende gegangen.

ph6

Parzelle 556 am 17.12.2017 (Blick nach Westen): die beiden Bäume (vorne rechts Pflaume, hinten Apfel) sind stehengeblieben; da die Parzelle nicht auf der eigentlichen Baufläche liegt, dürfen sie nicht gefällt werden. Es fällt auf, daß in den benachbarten Parzellen noch keine Lauben abgerissen wurden, obwohl diese Parzellen schon seit Jahren aufgegeben sind; anscheinend war der Bagger eigens für meine Parzelle geschickt worden.

ph2

Parzelle 556 am 17.12.2017 (Blick nach Osten): die Laube stand rechts, ihre Trümmer sind noch hinter der Hecke zu sehen, wohin sie der Bagger geworfen hat. Vorne rechts ein herausgerissener kleinerer Pflaumenbaum; er war offenbar dem Bagger im Weg, als er den Zaun abreißen wollte.

Advertisements

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: