Wozu eigentlich Kleingärten, im 21. Jahrhundert?

Anläßlich der intensiven Abrißtätigkeit, die seit Ende Januar 2017 auf Teilen der Kleingartenanlage Prüner Schlag 10-18 stattfindet, ist es in den sozialen Netzwerken erneut zu Diskussionen zu dem Thema gekommen, ob und warum Kieler Grünanlagen in Möbelzentren umgewandelt werden müssen. In einer solchen Diskussion fand ich den folgenden Beitrag:

Man kann ja auch mal die Frage stellen, ob es noch zeitgemäß ist, Kleingärten in diesem Umfang vorzuhalten. Ursprünglich wurden diese Gärten doch für die Selbstversorgung mit Obst und Gemüse für sozial schwache Schichten geschaffen, wenn ich mich nicht irre. Das spielt doch heute, wo fast das ganze Jahr über frisches Gemüse und Obst für jeden erschwinglich in guter Qualität zu bekommen ist, keine relevante Rolle mehr.

Ich möchte auf diesen Beitrag kurz eingehen. Spontan fallen mir zwei Punkte in der Argumentation auf, denen ich widersprechen möchte.

Zum Ersten werden nach meinem Verständnis Kleingärten (oder auch andere Gärten, oder Grünanlagen) nicht vorgehalten. Vielmehr sind sie da, sie existieren, als kleine oder weniger kleine, als naturbelassene oder weniger naturbelassene Biotope. Ich existiere ja auch, Nachbars Katze existiert, und so weiter. Lebewesen haben ein Recht darauf, einfach zu existieren, ohne Rechtfertigung durch einen Zweck, und ich meine, daß dieses Recht auch für Gärten gilt, da es sich bei diesen ja auch um Ansammlungen von Lebewesen handelt. Man kann also Kleingärten nicht vorhalten, so wie man vielleicht Parkplätze am Bahnhof vorhalten würde. Wenn man ihrer Existenz aus irgendwelchen Erwägungen heraus ein Ende setzt, ist das ein fundamental anderer Vorgang, als wenn man, sagen wir, auf einem Parkplatz einen Möbelladen baut. Albert Schweitzer würde an dieser Stelle zur Ehrfurcht vor dem Leben mahnen.

Zum Zweiten gibt es heute in zunehmender Zahl Menschen, die durchaus bestreiten würden, daß heute fast das ganze Jahr über frisches Gemüse und Obst für jeden erschwinglich in guter Qualität zu bekommen sei. Zwar trifft es zu, daß man heute – vielleicht sollte ich vorsichtiger sagen: zur Zeit – auch ohne einen eigenen Garten nicht mehr zu hungern braucht. Auch der Hartz-4-Empfänger kann sich zumindest etwas Gemüse von ALDI leisten. Aber nicht jeder, der aus Lohnarbeit und anderen Bezügen herausgefallen ist, aus welchen Gründen auch immer, ist bereit, sich der oft demütigenden Hartz-4-Bürokratie zu unterwerfen. Und ebenso ist nicht jeder bereit, für seine Ernährung überwiegend oder ausschließlich auf Billig-Produkte aus den Supermärkten angewiesen zu sein.

Gerade der letztere Aspekt gewinnt zunehmend an Bedeutung, auch bei Menschen mit gesichertem Einkommen. Durch ständig neue Lebensmittelskandale hat das Vertrauen in mit industriellen Methoden erzeugte Lebensmittel zunehmend Schaden genommen; viele Menschen wollen mit eigenen Augen sehen, wo und wie ihr Obst und Gemüse angebaut wird. Dies führt zu einer Renaissance der Wochenmärkte; noch konsequenter (und kostengünstiger) ist es aber, selbst anzubauen. Daß es dabei wohl kaum gelingen wird, vollständig autark zu werden, stellt diese Entwicklung nicht in Frage – man muß ja nicht gleich von einem Extrem ins andere springen.

Auch in den reichen Ländern, und auch im 21. Jahrhundert, werden Kleingärten gebraucht, nicht etwa um Hungersnöte abzuwenden (obwohl auch dieser Fall wieder eintreten kann, vielleicht schneller, als wir es uns vorzustellen vermögen), sondern um den Menschen einen Teil der Selbstbestimmung über ihre eigene Ernährung zurückzugeben, welche uns im Zuge der technologischen Allmachtsphantasien des 20. Jahrhunderts abhanden gekommen ist. Und noch etwas: Zwar haben wir uns daran gewöhnt, daß ständig Lebensmittel über tausende von Kilometern transportiert werden, da, dank des Erdöls, die Transportkosten niedrig sind; aber das Öl wird mittelfristig zur Neige gehen, trotz aller Versuche, neue Ölvorkommen zu erschließen. Es wäre nur vernünftig, schon heute die food miles zu reduzieren, wo immer wir können.MINOLTA DIGITAL CAMERA

Parzelle 556 im März 2017, Blick nach Süden: Die Osterglocken blühen, im Hintergrund vom Gartenabwrackkommando aufgetürmte Bäume und Gehölze

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