Unfreiwillige Archäologen

Viele der Kleingartenanlagen im Kieler Grüngürtel stammen aus dem späten 19. oder frühen 20. Jahrhundert, in diesen Parzellen wird also seit hundert Jahren oder noch länger gegärtnert. Generationen von Pächtern haben ihre Spuren hinterlassen, und wer heute in diesen Gärten die Erde umgräbt, kann unverhofft zum Archäologen werden. In Parzelle 556 stößt man in etwa 30 cm Tiefe auf Schichten, die möglicherweise aus der Kaiserzeit stammen (vielleicht auch nur aus der Weimarer Zeit, eindeutig datierbare Funde gibt es leider noch nicht).

Häufiger sind allerdings Funde aus der nicht so fernen Vergangenheit – die vermutlich vom Vorpächter erst vor verhältnismäßig kurzer Zeit unter die Erde gebracht, bzw. in die Natur gekippt wurden. Im Klartext: Müll. Viele Gartenpächter können ein Lied singen von immer neuen konspirativen Mülldeponien, auf die sie in ihren Parzellen stoßen. Es gibt kaum etwas, das nicht schon gefunden wurde, von Unterhaltungselektronik über rostige Metallreste bis hin zu Autobatterien und Kanistern mit geheimnisvollen Chemikalien. Die allmähliche Zunahme solcher Bestandteile im Boden stellt einen Anteil der allgemeinen Verwahrlosung vieler Parzellen und Anlagen dar, welche die gegenwärtigen Bemühungen, diese traditionsreichen Gärten für zukünftige Generationen zu erhalten, erheblich belastet. Notwendig wäre eine allmähliche Sanierung solcher verwahrloster und jahrzehntelang rücksichtslos zugemüllter Parzellen.

Die „Bürgerinitiative für den Erhalt des Kieler Grüngürtels“ bemüht sich, den Zustand Kieler Kleingartenanlagen zu verbessern, indem neue Pächter gerade für verwahrloste Parzellen geworben werden. Und unvermeidlicherweise stoßen manche dieser Neupächter in ihren Parzellen dann auf vergrabene Müllberge; zusätzlich wollen noch andere Altlasten, wie abbruchreife Lauben, abgetragen werden. Für diese Sanierungsarbeit wenden die Pächter Zeit, und oft auch Geld, in erheblichem Umfang auf. Die eigentliche gärtnerische Tätigkeit, also das Anlegen und Bewirtschaften von Beeten, kommt dadurch oft zu kurz, zumindest in den ersten Jahren nach Übernahme eines solchen Gartens.

Leider begegnen die Vorstände mancher Kleingärtnervereine diesen Arbeiten nicht mit Anerkennung und  Unterstützung – sondern mit Mahnschreiben wegen des nicht vorschriftsgemäßen Zustandes der Parzellen, und dabei wird auch keine Rücksicht darauf genommen, daß eine Parzelle erst vor wenigen Monaten gepachtet wurde.

Man mag das auf die allgemeine Überforderung der (ehrenamtlichen) Vorstandsmitglieder zurückführen, oder auf ihre Nervosität angesichts des zunehmend feindseligen Kurses der Kieler Stadtpolitik, die bekanntlich darauf abzielt, den Kieler Grüngürtel weitgehend abzubauen. Aber die Konsequenzen für die Motivation der Neupächter sind verheerend. Es besteht ein sehr konkretes Risiko, daß manche betroffene Pächter angesichts dieser  rücksichtslosen Behandlung aufgeben und ihre Parzellen gleich wieder kündigen.

Da frage ich mich doch: Was ist das kleinere Übel fuer die Vereine: Unverpachtete verwahrloste Parzellen, oder  verpachtete Parzellen, die noch Mängel aufweisen, an denen aber zumindest jemand arbeitet?

pppkRepräsentative Bilder der Müllberge, die die neue Pächterin von Parzelle 355 im Prüner Schlag (nördlicher Teil) in den letzten 15 Monaten freilegte und entsorgte; auch sie erhielt statt einer Anerkennung ein Mahnschreiben.

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